· 

Paros: Wandertage im Frühling

Ich bin der einzige Tourist, der kurz nach Mitternacht die Fähre verlässt. Vor 5 Stunden war ich in Piräus an Bord gegangen, mit mir nur wenige Passagiere.

 

Atemberaubend liegt vor mir die kleine Hafenstadt Parikia: ein riesiger Vollmond beleuchtet die weißen, kubischen Häuser. Die Hafenpromenade ist still. Nur ein paar Jugendliche sitzen am Quai und einige Spaziergänger genießen die Mondnacht. Zwei Tavernen haben geöffnet, wenige Gäste sitzen an den Tischen im Freien.

 

Es ist Ende April. Die Einwohner von Paros sind unter sich.

 

Parikia ist der Hauptort der beliebten Kykladeninsel Paros, die etwa auf halbem Weg zwischen Athen und Santorini liegt. Schon in der Antike war Paros berühmt für seinen strahlend weißen Marmor, der auch heute noch abgebaut wird. Die Insel hat für alle etwas zu bieten: viele Strände, Wanderwege, Nightlife, aber auch Ruhe und Abgeschiedenheit. Jeder wird fündig. In Parikia gibt es eine Vielzahl an Hotels und Pensionen. In der Saison sind die kleinen Gassen belebt von Besuchern, die ein Postkartenmotiv nach dem anderen entdecken. Auf der gesamten Insel leben knapp 13.000 Menschen, davon allein im Hauptort rund 4.500.

 

Ich laufe die paar Schritte vom Hafen in meine Unterkunft, welche ich noch von vergangenen Sommern her kenne. Wie vereinbart, liegt der Schlüssel unter einem Geranientopf neben der Tür. Maria, die Zimmerwirtin, schläft schon.

Die alten Holzdielen knarren, als ich mein Zimmer betrete und gleich die Balkontür aufreiße. Da steht sie. "Die mit den 100 Pforten", die Ekatontapyliani. Es ist eine der schönsten Kirchen Griechenlands und ihr gilt immer mein erster Besuch, wenn ich auf Paros bin.

 

Nach der Überlieferung wurde die "Ekatontapyliani" während der Regierungszeit des byzantinischen Kaisers Justinian im frühen 4. Jd. von Isidro erbaut, einem der Baumeister der Hagia Sofia in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Ihren Namen bekam die Kirche wegen ihrer "100 Pforten". Bislang wurden aber erst 99 Tore entdeckt... Sollte das 100. Tor gefunden werden, wird Konstantinopel wieder griechisch - sagt die Legende .... 

Ich stehe früh auf und nehme den ersten Bus nach Naoussa. An jeder vorbeiziehenden Kirche bekreuzigen sich die Fahrgäste, sicher ist sicher. Wir fahren durch ein paar kleine weiße Dörfer, dann immer der Steilküste entlang mit teils schwindelerregendem Blick auf das Meer. Die vielen Inselchen und Felsen im tiefblauen Wasser wirken wie verstreute perlen.

 

Naoussa ist einer der schönsten Hafenorte der Kykladen. In dem Gewirr der Gässchen kann man sich leicht verirren. An jeder Ecke steht eine kleine Kapelle, oft mit so kleinen  Eingängen, dass man sie schlechtweg übersieht. Bougainvillea ranken sich an weißen Mauern nach oben, Blumentöpfe stehen auf windschiefen Treppen.

 

Ich trinke einen ersten Kaffee bei Mitsi. Einen "Elliniko" natürlich. Dabei wird Kaffeepulver zusammen mit Wasser und Zucker mehrmals in einem winzigen Stielköpfchen aufgekocht und dann vorsichtig in das ebenso kleine Tässchen gegossen, damit der Schaum schön stehen bleibt. Gewöhnungsbedürftig... denn man muss aufpassen, den Kaffeesatz nicht mitzutrinken. Dazu gibt es das obligatorische Glas Wasser.

 

Die blauen Tischchen des Kafenions (Café) stehen direkt am wind- und wellengeschützten Hafen. Meine Füße baumeln knapp überm Wasser. Meine Seele ins Blaue.

 

 

So früh im Jahr ist es traumhaft ruhig und lohnt einen Urlaub. Bis Ende Mai haben die Einheimischen Paros fast nur für sich. Lediglich an manchen Wochenenden kommen die Athener angereist und erholen sich in ihren Ferienhäusern. Ausländische Touristen erobern erst in den Sommermonaten die Insel - dann aber auch ausgiebig.

 

Paros ist bekannt für seine tollen Bachclubs und ein ausschweifendes Nachtleben, wenn auch in keinster Weise mit dem wilden Partystil auf Mykonos vergleichbar. In Parikia, dem Hafenort, gibt es während der Sommermonate Juni-August einige Clubs, die die aktuellen Charts, Techno und House, aber auch griechische Musik  rauf und runterspielen

Auch in Naoussa finden sich am Ortsrand einige entsprechende Locations und 3 oder 4 Bachclubs drehen schon tagsüber die Musik auf volle Lautstärke.

 

Ich bin bei dieser Reise nicht an Partyleben interessiert. Mein Plan ist es, während der nächsten Tage die Insel zu Fuß zu erkunden. Die unsagbare Schönheit der Landschaft, herrliche Klöste, zahlreiche byzantinische Wanderwege und die typisch griechische Gastfreundschaft bieten die Möglichkeit, zu Fuß oder mit dem Mountainbike Strecken zu erkunden, die zu wahrhaft vergessenen Paradiesen führen.

 

Abends esse ich eine Portion "Ladera" - in viel Olivenöl gedünstete Bohnen mit Tomaten. Das selbstgebackene Brot schmeckt toll und ist wie gemacht zum "Tunken".

Ein Stück gebackener Ziegenkäse dazu und ein Glas Inselwein. Mehr braucht es nicht.

Ein bisschen durchfroren von der Nacht im kalten Pensionszimmer führt mich meine erste Route am nächsten Tag von Parikia nach Kostos, einem Ort in der Inselmitte. 

Frühmorgens laufe ich. Gute 10 km liegen vor mir. Über kleine Schotterstraßen und Eselspfade führt mich mein Weg und der Anstieg beträgt immerhin über 500m!

Ich werde mit Düften nach Bergkräutern belohnt und herrlichen Ausblicken. Eine Ziegenherde kreuzt meinen Weg. Eine alte Frau auf einem Esel grüßt freundlich. Ich weiß, das klingt schon fast kitschig und voller Klischees, aber so ist es. Genau so.

In Kosmos mache ich Rast in einer Bäckerei und esse eine heiße, frische Käsetasche (Tiropitta). Die Sonne versteckt sich jetzt zwischen dicken Wolken, ein paar Regentropfen fallen und ich nehme das Angebot der Bäckerstochter an, mich bis nach Levkes mitzunehmen.

 

Levkes ist der frühere Hauptort der Insel. Seine Lage hoch oben auf rund 250 m und in der Mitte der Insel war damals ein hervorragender Schutz vor Piratenüberfällen. 

Der Ort hat eine zauberhafte Atmosphäre. Verwinkelte Gassen, eine interessante Architektur und viel Grün. Eine kleine Platia (Platz) in der Mitte des Ortes verströmt den Charme alter, vergangener Zeiten. Überwältigend ist der Blick ins Tal, auf das Meer und bis hinüber zur Insel Naxos,

In Levkes beginnt der "Byzantinische Weg", der bis hinunter ins Dörfchen Prodromos führt.

Diese kleine Wanderung wird in vielen Reiseführern beschrieben - und so macht auch ich mich auf den Weg. Die Sonne ist wieder da und erwärmt mein Gesicht und mein Gemüt. Der gepflasterter Pfad aus byzantinischer Zeit bildete früher einen Teil der Inselhauptstrasse. Zwischen vielfältiger Vegetation und blühenden, duftenden  Kräutern wandere ich eine knappe Stunde bergab. 

In Marpissa mache ich eine Pause bei "Anna & George". Ich habe Hunger! Es gibt leckere rote Beete mit Knoblauchsoße und ein gut gewürztes Bifteki (Frikadelle). Den Wein lasse ich erstmal weg... Ich packe eine frische Flasche Wasser ein, denn ein letztes Ziel habe ich noch für heute: Die Kapelle des Agios Andonis.

Am Ortseingang von Marpissa beginnt ein kleiner, steiler Weg, der zum Kirchlein ganz oben auf dem Hügel führt. Die Sonne steht schon ziemlich tief, aber es ist nicht weit. Das schmale Hügelplateau wird vollkommen ausgefüllt von ein paar weißgetünchten Gebäuden und der Kapelle. Rundherum geht es steil nach unten. 

Außer mir ist dort oben nur der Wind und ein paar harmlose Schlangen. Ich sitze still eine Stunde lang auf einem Mäuerchen. Unter mir das Meer, der Blick auf Pisa Livadi (ein umspektakuläres Hafenörtchen) und auf grünes Ackerland. In der Ferne Inseln und Inselchen, violett gefärbt von der nun untergehenden Sonne.

Es wird Zeit aufzubrechen. Was für ein schöner Tag!